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Vom Acker, aus dem See, von der Weide auf den Teller

Ein kulinarischer Kreislauf im Naturgut Köllnitz

9 von 10 Zutaten sollen im Restaurant des Naturgut Köllnitz künftig vom eigenen Land und Wasser kommen. Dazu ist aus einem ehemaligen Fischrestaurant eine anspruchsvolle Hofküche geworden, in der man aus Karotten, Karpfen und selbst Ochsenhoden Delikatessen macht. Zu Besuch bei einer Gastronomie, die nachhaltiger kaum sein könnte.

Eine gute Stunde dauert es vom Süden Berlins hier raus. Als es von der Autobahn abgeht, hat sich die Umgebung bereits verändert. Die helle Frühlingssonne beleuchtet Kiefernwäldchen, Seenlandschaften und Weizenfelder. Nach zwanzig Minuten Landstraße erreichen wir unser Ziel: Das Naturgut Köllnitz in Storkow, Brandenburg. Bereits vom Parkplatz aus entdeckt man das Restaurant und auf der anderen Straßenseite die Gemüsebeete. Ein paar Meter aufs Grundstück gelaufen, bahnt sich der Blick einen Weg zwischen Eichen und Schilf hindurch auf die Groß Schauener Seenkette.

Drei Handwerke, ein Menü

Gemüse, Obst, Hühner- und Rindfleisch, Eier und Fisch werden im Naturgut Köllnitz vor Ort angebaut, gezüchtet, gesammelt und gefangen und wandern direkt in die Restaurantküche oder den Hofladen. Nach den Prinzipien einer nachhaltigen und ökologischen Produktion schaffen Landwirte, Fischer und Köche hier gemeinsam ein kulinarisches Konzept, das Farm-to-Table in die Brandenburgische Realität übersetzt. Wie ihre Handwerke ineinandergreifen, zeigen sie heute Abend beim siebengängigen Erlebnisdinner Bauer x Fischer x Koch. Während das Team um Geschäftsführer und Küchenchef Stefan Ziegenhagen Zanderfilet flämmt oder neben geschmortem Hahn Perlzwiebeln drapiert, erzählen Fischermeister Patrick Roth und Rinderzüchter Jan-Peter Vogel zwischen den Gängen, wie die Zutaten den Weg auf die Teller der Gäste gefunden haben.

Hinter dem Naturgut Köllnitz steckt das Berliner Unternehmen Artprojekt Nature & Nutrition, das als Ideengeber und Investor fungiert. 2019 hat es die Fischerei, deren Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, übernommen. Teil davon waren das Seehotel, der Hofladen und das Fischrestaurant. Doch dabei sollte es nicht bleiben: Unter der Federführung von Jörg Reuter, der auch maßgeblich am Food Campus Berlin beteiligt ist, entwickelte man die Idee weiter und pachtete ab 2022 noch den benachbarten Rinderzüchterbetrieb von Jan-Peter Vogel mit Flächen für den Gemüsebau dazu. Nach einem Pilotjahr war das Konzept eines ganzheitlichen Naturguts mit Restaurant, Hotel und Hofladen, das die eigenen Lebensmittel verarbeitet, spruchreif.

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang 2023, ergänzte auch Stefan Ziegenhagen als Küchenchef das Team. Er hat bis dahin als gastronomischer Leiter für die Gastronomie-Objekte von Artprojekt für alle Food-Konzepte zuständig war. „Aber dann kam das Kribbeln, dass ich wieder am Herd stehen will. Ich bin halt einfach ein Koch“, erzählt er. Mit seinem Einstieg habe die Küche Farm-to-Table noch konsequenter umgesetzt. „Ich fand die Chance großartig. So ein Konzept gibt’s ja kaum!“

Karpfenschinken aus dem Dry Ager, hauchdünn aufgeschnitten

Umami aus Gemüseresten

Doch wo Chancen sind, sind Herausforderungen nicht weit. Weil im ersten Gemüsejahr 2022 noch die Erfahrungswerte fehlten, stand das Küchenteam zum Beispiel vor 500 Kilogramm Zucchini, die verarbeitet werden wollten und schließlich eingelegt ihren Weg in den Hofladen fanden. Aber selbst, wenn die Menge stimmt, ist manches Obst und Gemüse einfach wenig geduldig: Tomaten etwa werden am liebsten vollreif geerntet, verzeihen dann aber keine drei Tage im Kühlhaus. „Wir haben Tomatensugo wie die Bekloppten gekocht“, erinnert sich Ziegenhagen. Diese Arbeit baut das sechsköpfige Küchenteam nebenbei ein – zusätzlich zum Restaurantalltag. Da dauert eine Schicht im Sommer auch mal zwölf Stunden. Im Austausch gegen mehr Aroma und Nachhaltigkeit müssen die Köllnitzer Köche außerdem mit krummen Karotten hantieren und können aus den eigenen Kartoffeln keine Pommes machen, weil sie zu klein sind. Dafür hat das Team jede Menge andere Ideen, um das Gemüse kreativ zu verarbeiten, und zwar das ganze Produkt: Zum Beispiel Pulver aus dehydrierten Spargelschalen mit ordentlich Umami. „Das fetzt richtig“, schwärmt Ziegenhagen.

Auch beim Dinner Bauer x Fischer x Koch zeigen er und seine Kollegen, was sich aus Gemüse alles herausholen lässt. Gespannt warten die rund 30 Gäste auf den zweiten Gang. Cremiges Sellerie-Panna Cotta und eine leuchtend orange Sanddornvinaigrette begleiten den Protagonisten dieser Inszenierung: hausgemachter Karpfenschinken. Sobald die leeren Teller abgeräumt sind, serviert man den ersten nicht-kulinarischen Zwischengang. Patrick Roth, neben Sander Fuhrmann einer der beiden Fischermeister in Köllnitz, hat seine Gummischürze gegen ein Hemd getauscht, platziert sich in der Mitte des Raums vor der rustikalen Holztheke und erzählt den Gästen, wie man aus Karpfen einen Schinken macht: im Dry Ager nämlich. Beim Betreten des Speiseraums in der Köllnitzer Hofküche sind sie alle noch an dem zurzeit leeren Schrank vorbeigelaufen. „Built for beef“, verkündet das über 1,5-Meter-hohe Gerät prominent. Doch davon haben sich Roth und Fuhrmann nicht beirren lassen und einfach experimentiert. Das Ergebnis hat sich in der Berliner Spitzengastronomie bereits herumgesprochen: Hauchdünn aufgeschnitten, steht der dunkelrote Schinken seinem Fleischvorbild in nichts nach. Eine leichte Fischnote ist noch erkennbar, aber das nussig-salzige Schinkenaroma dominiert.

Die Fischer in Köllnitz probieren gerne neue Zubereitungsarten für ihren Fang aus, verkaufen die Produkte dann im Hofladen oder überlassen sie Ziegenhagens Küchenteam. Zum Beispiel Hechtbuletten oder Bratschleie, die wie Brathering eingelegt wird. „Die Leute sind verrückt danach“, erzählt Patrick Roth. Auch Aale fangen die Fischer in ihrem See, machen daraus Räucher- und Brataal für das Restaurant und den Hofladen oder eine moderne Version von Aal in Aspik . Den Räucherfisch, der hauptsächlich im Hofladen verkauft wird, stellen die Fischer in den maßgefertigten Räucheröfen selbst her. Allein auf Erfahrungswerten, die hier über Jahrhunderte gesammelt wurden, beruht ihr Handwerk. Denn Thermometer haben die Öfen, die mit Buchen und Erlen befeuert werden, keine.

Patrick Roth – Fischmeister (links)Stefan Ziegenhagen – Küchenchef (rechts)